Kleine Oszilloskop-Schwemme Teil 2

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chronos42
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Kleine Oszilloskop-Schwemme Teil 2

Beitrag von chronos42 » 04 Mai 2020, 13:56

Weiter geht es in der Miniserie: Die Reparatur von Geräten, die ich eigentlich gar nicht brauche, Oszilloskop-Schwemme, Teil 2: Der HM504 Teilespender.
Der HM504 sah eigentlich von innen und außen noch gut aus, Ausnahme war die hintere Abdeckung, das Gerät war wohl öfter sehr unsanft behandelt worden, die 4 Standfüße zum vertikalen Aufstellen waren an den Kanten teilweise zerbrochen. Das ist nur ein Schönheitsfehler, die Funktion (die ohnehin nicht mehr vorhanden war) beeinflusst das nicht im Geringsten. (Bei SKY gibt es dafür Ersatz für recht wenig Geld, leider aber auch einen Mindestauftragswert von 30 Euro.)
So, der Zustand war der folgende: Der Prozessor für die Abfrage der Drehgeber wurde von mir ja bereits entnommen und befand sich nun in einem HM1004. Nebenbei bemerkt ist bei Geräten aus dieser Bauzeit (Ca. Anfang bis Mitte der 2000 Jahre) hier immer derselbe Prozessor mit derselben Firmware verbaut, die sind also problemlos austauschbar zwischen den Geräten, egal um welchen Typ es sich handelt. Ohne einen Ersatz für das gespendete Ersatzteil brauche ich hier gar nicht anzufangen. Aber es gab ja noch die bereits erwähnte Quelle für Hameg Teile. Ob er vielleicht auch ein komplettes Bedienteil oder einen Prozessor zu verkaufen hat? Also noch mal freundlich angefragt und er hatte tatsächlich ein Bedienteil aus einen HM1005, dieser Prozessor passt. Er hat mir das komplette Modul angeboten zu einem absolut fairen Preis. Nach Eintreffen des Teils bekam der immer noch teilzerlegte HM504 wieder seinen Prozessor für die Encoderabfrage zurück und er wurde wieder zusammengebaut. Der Austausch des Prozessors ist nebenbei gesagt sehr einfach, da es sich um einen gesteckten DIL Typ handelt. Die Panels des HM504 und HM1005 sind zwar technisch weitgehend identisch, man kann das HM1005 Panel aber nicht im HM504 einbauen, da dieser einige Tasten und LEDs weniger hat, die auch diesem Board unbestückt sind, das passt dann mechanisch nicht. Die Firmware des aufgesteckten Moduls mit dem Hauptprozessor passt natürlich auch nicht.
Nach dem professorischen Zusammenbau das erste Einschalten bei mir, zum ersten Mal habe ich nun gesehen warum das Gerät als Teilespender verkauft wurde. Nach dem Einschalten erschien nur ein völlig unscharfes Readout, sonst nichts. Es war kein Strahl zu sehen, das Readout war total schief, die Trace Rotation Einstellung lag also komplett daneben. Beim Einschalten kamen akustische Fehlermeldungen und es war auch mindestens eine Fehlermeldung beim Hochfahren zu sehen. Leider war sie wegen des komplett unscharfen Bildes nicht lesbar.
Hm, seltsames Fehlerbild, kein Strahl zu sehen, anscheinend alle Einstellungen irgendwie am Anschlag, der Selbsttest erkennt mindestens einen Hardwarefehler. Eine Überprüfung der Betriebsspannungen aus dem Netzteil erbrachte keine Auffälligkeiten. Für den HM504 bekommt man leider keine Serviceunterlagen, die Zeiten, dass man das bei Hameg problemlos bekam, sind lange vorbei. R&S hat damit nichts mehr zu tun, SKY gibt diese Schaltpläne nicht raus, da der HM504 bei dieser Firma noch im Serviceprogramm ist. Die wollen sich ihr Servicegeschäft natürlich nicht kaputt machen. Einerseits nachvollziehbar, andererseits blöd für mich, das machte die Sache natürlich nicht einfacher. Also versuchte ich es nun halt ohne Schaltplan. Da vieles ähnlich zum HM1004 ist, dessen Serviceunterlagen ich besitze, geht es trotzdem irgendwie.
Ich versuchte nun wenigstens mal das Bild scharf zu stellen. Focus wird hier über den Prozessor gesteuert. Drehen am Focussteller schien nichts zu bewirken, das betraf auch alle anderen Einstellungen. Doch dann die Überraschung: nach längerm Herumdrehen tat sich plötzlich was, das Bild wurde plötzlich scharf. Aha? Mal an Vertikal Position gedreht, nach einiger Zeit lies sich tatsächlich ein Strahl in die Mitte bringen. Wie am Anfang nur vermutet waren alle Einstellungen am Anschlag, prinzipiell war das Gerät aber wohl funktionsfähig, nach und nach konnte ich alle Einstellungen in einen brauchbaren Zustand bringen. Viel wichtiger waren aber die beiden Fehlermeldungen, die nach Einstellen von Focus nun lesbar waren. Es waren einmal ein Checksum-Fehler im EEPROM, zum zweiten ungültige Default-Service-Einstellungen. Das war die entscheidende Spur! Irgendwas stimmte mit dem EEPROM nicht, in welchem die Setup und Abgleichdaten gespeichert werden. Das EEPROM befindet sich auf dem Bedienpanel. Nach einem Neustart waren alle Einstellungen wieder weg, das Gerät wieder im selben Fehlerzustand wie zuvor. Damit war klar, es gibt ein Problem mit dem Schreiben und/oder Lesen des EEPROMS. Das EEPROM vom Typ 93LC76B ist ein Cent-Bauteil. Ich habe mir ein paar neue beschafft und den Chip ausgetauscht. Nach dem Tausch kam das Gerät sofort mit sinnvollen Default-Einstellungen hoch, das Readout war lesbar, der Strahl war zu sehen. Somit bestätigte sich die Vermutung, dass aus dem defekten EEPROM völlig sinnlose Daten gelesen wurden, welche dem Gerät unbrauchbare Einstellungen aufzwang. Das war ein großer Fortschritt und zeigte, dass das Gerät definitiv reparierbar war. Das nächste Problem kam jetzt erwartungsgemäß, denn alle Abgleichdaten waren ja nun weg. Deswegen waren Fehlermeldungen vorhanden, einmal ein Checksum-Fehler und einmal die Meldung, dass die Service-Setupdaten ungültig sind. Dabei scheint es sich um Daten zu handeln, die das Gerät vor einem Abgleich in eine sinnvolle Grundeinstellung bringen um es einfacher Abgleichen zu können. Genau weiß ich das aber nicht, denn nun kam das nächste Problem: Der Abgleich ohne sinnvolle Unterlagen.
Der Abgleich kann über ein Menue aufgerufen werden, dabei gibt es zwei Gruppen: Der automatische Abgleich, der kann vom Anwender aufgerufen werden und dieser Gleicht das Gerät automatisch ab, wie bei einem Digitalgerät. Das war auch der erste notwendige Schritt um das Gerät überhaubt in einen brauchbaren Defaultzustand zu bringen. Im unabgeglichenen zustand stimmten erwatungsgemäß weder die Amplituden noch die Zeitbasis, zudem war bei einigen Ablenkzeiten der Strahl nur ca. 5 DEV breit. Dieses Problem war nach Durchlaufen eines Autoabgleiches verschwunden, das war schon mal gut.
Und dann gibt es noch den manuellen Abgleich. Der ist eigentlich richtig klasse, mir gefällt das Konzept. Man wählt im Abgleichmodus zunächst einen Bereich am V/DIV Drehgeber, stellt das Gerät auf VAR und stellt dann damit genau auf die richtige Amplitude mit Hilfe einer Refernzspannung ein. Danach Abspeichern und der Abgleich für diesen Spannungsbereich wird gespeichert. Das macht man für alle Einstellungen und alle Kanäle. Danach dasselbe für die Timebase, Referenz ist hier ein time Mark Generator. Auch der Frequenzzähler muss noch kalibriert werden mit einer Referenzfrequenz. Es gibt einen weiteren Menuepunkt für die Default-Service Einstellungen, da habe ich „mit neuen Daten überschreiben“ ausgewählt, was die entsprechende Fehlermeldung hat verschwinden lassen.
Das hört sich nun alles einfacher an als es war, denn es gibt da ein Problem, das manuelle Service-Menue. Das ist nämlich gegen Zugriffe geschützt mit einem Sicherheitscode. In den vorhandenen Servicemanuals steht dazu nur, dass dieser Menuepunkt nur für Hameg interne Anwendung vorgesehen ist. Somit kann man verlorenen Abgleichdaten gar nicht selbst rekonstruieren. Bei einer Suche im Internet habe ich fast nichts dazu finden können, aber auf einer Site in einer mir völlig unverständlichen osteuropäischen Sprache fand sich der entscheidende Hinweis zur Lösung. Ich konnte durch Raten und Probieren dann sehr schnell den „Sicherheitscode“ herausfinden. Nun ist das so eine Sache das zu veröffentlichen. Ich möchte den noch vorhandenen Servicefirmen nicht das Geschäft verderben, deswegen werde ich es nicht hier posten. Aber andererseits ich kann ja das wiederholen, was sowieso im Netz zu finden ist. Da steht was von TIME/VAR, und noch irgendwas und gleichzeitig...
Nach dieser Aktion war das Gerät wieder fast vollkommen funktionsfähig. Fast bedeutet, ich musste noch drei verschlissene Drehgeber austauschen, die nicht mehr richtig funktionierten. Das merkt man daran, dass das Gerät beim Drehen dieser Geber nur sehr unwillig reagiert oder vor und zurück springt. Das sind Kontaktprobleme der Drehgeber. Das sind Verschleißteile, die zudem recht billig sind, die tausche ich grundsätzlich gegen neue aus. Mit öffnen, Kontakte reinigen und Kontaktfedern nachbiegen fange ich da erst gar nicht an. Ich habe schon einige dieser Encoder ersetzt, das betraf auch meine hp/Agilent Netzteile, das ist kein Hameg Problem. Aber lieber einen billigen Standard-Drehgeber austauschen als einen verschlissenen Attenuator oder Timebase Schalter mit Kontaktproblemen.
So, nun habe ich einen weiteren perfekt funktionierenden Hameg.

Zu dem Fluke komme ich auch noch in Teil drei, der hat einen etwas größeren Bericht, die Instandsetzung dieses Gerätes spielte in einer anderen Liga als die der beiden Hamegs.

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